Vor langer Zeit wollten die Pfullendorfer einen Steg über den Andelsbach bauen. Ein Meister nahm Maß und ging mit seinen Gesellen an die Arbeit. Aber, wie es zuweilen so geht, der Meister hatte neben seinem Augenmaß vielleicht ein Maß Wein zuviel genommen, oder aber die Gesellen zu wenig vom spitälischen Holz, oder es war sonst ein Unglück eingetreten. Kurzum: Der Steg reichte nicht zum anderen Ufer, er war zu kurz geraten. Die Schadenfreude war groß, guter Rat teuer. Ein findiger Kopf schlug unter anderem vor, den Steg im Wasser aufzuweichen und ihn danach durch zwei Ochsengespanne strecken zu lassen.
Gesagt, getan! Der Steg blieb kurz, so sehr sich die Ochsen auch anstrengten. In höchster Not wandte man sich an den Hohen Rat der Stadt Pfullendorf. In geheimer Sitzung fand er, wie immer einen Ausweg, über den ausnahmsweise bis zum heutigen Tage nichts an die Öffentlichkeit gedrungen ist. Jedenfalls begab sich der Hohe Rat alsbald an Ort und Stelle, nahm mit vereinten Kräften die Zugseile der beidseits des Steges schmählich versagenden Ochsen auf und siehe, das Wunder geschah: Der Steg streckte sich und verband Ufer mit Ufer. Jedermann war zufrieden. Seitdem heißen die Pfullendorfer "Stegstrecker".
Moral:
Mit Ochsen kann man keine Brücken bauen,
dazu bedarf's der Klugen und der Schlauen,
mit denen stets ein hoher Rat sich ziert,
sein wesentliches Ziel er nie verliert.
Jedwelchen Graben überwinden
und immer einen Ausweg finden,
vereint in Güte, Anstand, Kraft,
zum Nutzen seiner Bürgerschaft.