Jürgen Tetzner erhält Verdienstmedaille

Traditionell haben die Stadt, die christlichen Kirchen und die Garnison zu Beginn des neues Jahres zum gemeinsamen Neujahrsempfang eingeladen. Festredner war in diesem Jahr Hans-Ulrich Jörges. Ein weiterer Höhepunkt neben den Festreden war die Verleihung der Verdienstmedaille der Stadt in Gold an Jürgen Tetzner.

Bürgermeister Thomas Kugler, der zu dieser besonderen Veranstaltung seine Amtskette angelegt hatte, konnte in der voll besetzten Stadthalle auch zahlreiche Vertreter aus Politik, Wirtschaft, Kirchen, Kultur und den städtischen Einrichtungen begrüßen. Er nutzte die Gelegenheit, um allen Einrichtungen und den ehrenamtlich engagierten Bürgern in der Stadt für die erfolgreiche Arbeit und das gute Miteinander zu danken.

Seine Ansprache eröffnete Kugler mit dem, was im abgelaufenen Jahr nicht so optimal für die Stadt und ihre Bürger lief: Mit dem Skandal in der Staufer-Kaserne, der in Folge umstrittener Berichterstattung bundesweit für Schlagzeilen sorgte und der Stadt eine Aufmerksamkeit verschaffte, „auf die wir gern verzichten könnten“, und mit der Insolvenz des Küchenherstellers Alno, die glücklicherweise „mit einem blauen Auge“ abgeschlossen werden konnte.

Im weiteren Verlauf seiner Rede erinnerte Kugler an das, was positiv im Gedächtnis bleibt. An die vielen städtischen Baustellen, darunter das Dominikanerinnenkloster, die Härle-Schule oder das Parkhaus, aber auch an die zahlreichen privaten Investitionen, die die Attraktivität der Stadt erhöhen. „Private investieren nur dort, wo sie Perspektiven sehen“, sagte Kugler und führte einige Beispiele privater Baumaßnahmen auf: der Umbau des Bahnhofs, das neue Hotel, die Seniorenwohnanlage am Stadtsee, das neue Kolpinghaus oder das Gesundheitszentrum am Obertor. 100 Baugenehmigungen habe die Stadt im abgelaufenen Jahr erteilt und damit die Rekordinvestitionssumme von 34,5 Millionen Euro ausgelöst, berichtete Kugler. Im weiteren sprach Kugler über die Weiterentwicklung des Krankenhauses, das mit einer geriatrischen Rehabilitation ausgestattet wird, und über die städtischen Betriebe wie die erfolgreichen Stadtwerke mit 6174 Kunden oder die Spitalpflege, die in der stationären, ambulanten und Tagespflege sehr gut arbeitet. „Wir brauchen gut funktionierende Einrichtungen, denn nur so sind wir konkurrenzfähig“, sagte Kugler. Und: „Wir haben den Auftrag, die Menschen mit Infrastruktur und Bauland zu versorgen und gute Voraussetzungen für die Wirtschaft zu schaffen.“ Dies meistere die Stadt mit Erfolg, wie nicht nur das gute Abschneiden in der Standortzufriedenheitsumfrage der Handelskammer zeige, sondern auch das Wachsen der Stadt, das im abgelaufenen Jahr knapp 120 Personen ausmachte.

Bei seinem Ausblick auf das neue Jahr sprach Kugler, über das, was abgeschlossen oder neu auf den Weg gebracht wird: Die Fertigstellung der Härle-Schule, der Neubau des Kindergartens im Wohngebiet Roßlauf, die Sanierung des Kunstrasenplatzes im Tiefental, der Anschluss von Brunnhausen an die Kläranlage mit Neugestaltung der Ortsdurchfahrt, die Erweiterung des Industriegebiets an der Mengener Straße, die Erschließung des Neubaugebiets Oberer Bussen oder die Sanierung der Straße Am alten Spital. Weitere Aufgaben stehen mit dem Schulkonzept, der Konzeption für ein neues Alten- und Pflegeheim, dem Feuerwehrbedarfsplan, der Neuordnung der Verwaltung oder dem erneuten Versuch zur Belebung der Altstadt an. „Ich möchte die Bevölkerung sensibilisieren, damit sie durch gezieltes Einkaufen in der Innenstadt das Engagement des Einzelhandels honoriert, statt auswärts oder im Internet einzukaufen“, sagte Kugler.
Kugler hob das gute kommunalpolitische Zusammenspiel hervor, das seitens der Verwaltung und des Gemeinderats von dem Wunsch gepägt sei, „die Stadt voranzubringen“. Der Erfolg der Stadt basiere aber nicht hauptsächlich auf der Arbeit der Verwaltung, sondern auf dem ehrenamtlichen Engagement der Bürger. „Was hier so viele ehrenamtliche Männer und Frauen in unseren Vereinen, Feuerwehren, Dorfgemeinschaften, Kirchen und Organisationen bewerkstelligen, ist einfach phänomenal.“ Die Angebotsvielfalt der über 120 Vereine und Organisationen spiegle ein buntes, lebensbejahendes, abwechslungsreiches und vielschichtiges Pfullendorf wieder, auf das er stolz sei und auf das alle Bürger stolz sein dürften. „In der Gesamtbetrachtung sieht und erkennt man, was Pfullendorf ausmacht: Die Liebe der Menschen zur Heimatstadt, das Vertrauen in die Fähigkeiten der Stadt und die Gewissheit, in einer Stadt mit Zukunft leben zu dürfen“, sagte Kugler, bevor er den Bürgern „Gesundheit, Glück, Zufriedenheit und Gottes Segen für das kommende Jahr“ wünschte.

Pfarrer Hans Wirkner sprach namens der Kirchengemeinden über ein „bewegtes Jahr, das hinter uns liegt“. Er erinnerte beispielsweise an die neuen Glocken der Christuskirche und betonte mit Blick auf die Ökumene: „Wir haben als Christen mit unterschiedlicher Spiritualität mehr gemeinsam gemacht, als wir hätten tun müssen.“ Gleichzeitig nahm er den Mitgliederverlust in beiden großen Kirchen ins Visier und appellierte, den Kirchen treu zu bleiben, damit „die Kirche im Dorf bleibt“.

Ein weiteres Grußwort sprach Oberst Carsten Jahnel vom Ausbildungszentrum Spezielle Operationen. Er griff nicht nur die unschönen Entwicklungen und deren Folgen am Standort Pfullendorf auf, sondern warb mit Nachdruck für ein geeintes Europa und die sich „schrittweise entwickelnde europäische Verteidigung. „Die Europäische Union begegnet Krisen am besten gemeinsam“, sagte Jahnel. Und: „Wir werden nicht umhin kommen, für unsere Sicherheit mehr zu tun.“

Festredner des Neujahrsempfangs war Hans-Ulrich Jörges, der bis vor kurzem Mitglied der „Stern“-Chefredaktion war und enorm gut über die politische Situation in Deutschland und weltweit informiert ist. Er lobte zunächst die Stadt, die er am Nachmittag bei einem Spaziergang erkundet hatte: „Man merkt, dass der Wohlstand hier mit Verstand eingesetzt wird.“ Sein eigentliches Thema aber war „2018 – Jahr der Krisen und Entscheidungen“. Spannend, kurzweilig, ironisch und ganz sicher nicht immer so, wie seine Zuhörer es gern gehört hätten, ging er mit den großen Parteien und deren Parteispitzen ins Gericht. Er analysierte, warum die Wahl mit den großen Verlusten für die großen Parteien ausging, benannte politische Führungskräfte und deren schlechten Wahlkampf, und begründete, warum aus seiner Sicht auch unter personellen Aspekten Neuwahlen die beste Lösung wären oder warum es sinnvoll wäre, die Amtszeit des Bundeskanzlers auf zehn Jahre zu beschränken. Der Wahlausgang, die Koalitionsverhandlungen und die politische Instabilität hätten Deutschland geschwächt, sagte er. „Europa wird heute aus Paris geführt, nicht mehr aus Berlin.“ Und: „Deutschland ist am Rand der Unregierbarkeit angekommen.“ Gleichzeitig nahm er ins kritische Visier, was in Deutschland in die Zukunft behindert: Das kleinteilige Bildungssystem, das fehlende Integrationsministerium mit einem eigenen Etat, oder die Funklöcher, die es in einem Wirtschaftsland wie Deutschland nicht geben dürfte. „Wir bräuchten ein neues Denken und führen stattdessen Stillstandsdebatten“, sagte Jörges, dem das Publikum hochkonzentriert zuhörte, gelegentlich spontan applaudierte und am Ende sehr langen Beifall zollte. Nach einem kurzen Ausflug in die internationale Politik mit persönlichen Einschätzungen für das eben begonnene Jahr zu Donald Trump, dem Brexit, dem Islamischen Staat oder der Regierung Erdogan in der Türkei beendete Jörges seine Ausführungen: „In Deutschland sollten wir auf uns selbst setzen, auf unsere Wirtschaft und unseren wunderbaren Mittelstand.“

Für die festliche musikalische Umrahmung des Neujahrsempfangs sorgten Stefanie Menacher an der Flöte und Christoph Betz an der Gitarre mit ebenso temperamentvoll wie einfühlsam interpretierten Musikstücken der argentinischen Komponisten Astor Piazzolla und Maximo Diego Pujol. Nach dem offiziellen Teil des Abends nutzten die über 600 Besucher gern die Gelegenheit, bei einer Begegnung ihre Neujahrswünsche und Gedanken auszutauschen. Die Bewirtung übernahmen wie immer die Pfullendorfer Trachten in ihren wunderschönen historischen Gewändern.